150 Jahre Evangelischer Waisenversorgungsverein

Mit einem Festakt in der Lutherischen Stadtkirche in Wien feierte der Evangelische Waisenversorgungsverein sein 150-jähriges Bestehen.
Mit einem Festakt in der Lutherischen Stadtkirche in Wien feierte der Evangelische Waisenversorgungsverein sein 150-jähriges Bestehen.

Bünker: Glaubwürdiges Beispiel der unverlierbaren Menschenwürde

Wien (epd Ö) – Der Evangelische Waisenversorgungsverein (EWV) – die älteste evangelische Hilfseinrichtung Österreichs – hat am Sonntag, 20. März, sein 150-jähriges Bestehen gefeiert. Bei dem Festakt in der Lutherischen Stadtkirche in Wien waren zahlreiche VertreterInnen aus Politik und Kirche anwesend. Eröffnet wurde die Festveranstaltung mit einem Gottesdienst, den der lutherische Bischof Michael Bünker gemeinsam mit Pfarrerin Ines Knoll gestaltet hat. In seiner Predigt sagte Bünker, dass drei Bedingungen erfüllt sein müssten, damit Kinder gut heranwachsen können: „Sie müssen zuerst einmal sagen können: Ich habe. Ich habe feste, verlässliche Beziehungen. Sie müssen zweitens sagen können: Ich bin. Ich bin eine respektvolle Person mir selbst gegenüber und so auch anderen gegenüber. Und sie müssen sagen können als Drittes: Ich kann. Ich kann Wege finden, Probleme zu lösen und mich selbst zu steuern. Diese Drei – ‚Ich habe‘, ‚Ich bin‘ und ‚Ich kann‘ – aus der Kinderpsychologie halte ich für sehr hilfreich.“ Diese Drei hätten auch einen tiefen geistlichen Sinn: „Für unseren evangelischen Glauben gründen sie doch im bedingungslosen Ja, das Gott zu allen immer schon längst gesagt hat. Wir finden dieses Ja in der unverlierbaren und unantastbaren Menschenwürde ausgedrückt.“ Er sei „dankbar“, dass es dafür glaubwürdige Beispiele wie etwa den Waisenversorgungsverein gebe.

Hennefeld: Blick auf eine Erfolgsgeschichte

Bei der anschließenden Festveranstaltung, die der steirische Senior und stellvertretende Obmann des EWV, Pfarrer Gerhard Krömer, moderierte, betonte der reformierte Landessuperintendent Thomas Hennefeld, dass bereits Calvin den Einsatz für Arme und Schwache gefordert habe. „Wenn wir auf den Waisenversorgungsverein blicken, dann blicken wir auf eine Erfolgsgeschichte, im Auftrag Christi für Arme und Schwache da zu sein.“ Indem der EWV das leiste, „leistet er einen Dienst an der Gesellschaft und trägt zur Veränderung der Gesellschaft bei“. Für die Zukunft wünschte der Landessuperintendent dem Verein, dass er nicht nur „für evangelische Kinder in Österreich, sondern auch wie bisher den Blick öffnet für MigrantInnen“. Sibylla Aschauer vom Diakonieverein Salzburg bedankte sich für Unterstützung des Waisenversorgungsvereins: „Bei uns gibt es über 240 Kinder in unserem Kindergarten und unseren Schulen. Rund zehn Prozent davon sind Kinder mit Stipendien.“ Es sei „enorm wichtig“, dass diese Kinder aus sozial schwachen Familien gebildet und gefördert würden. „Wir sind sehr dankbar für diese Förderung, und ich sage an dieser Stelle ausdrücklich Danke im Namen unserer Kinder.“

Chalupka: Geburtsstunde der institutionellen Diakonie

„Wir haben im Waisenversorgungsverein die eigentliche Geburtsstunde der institutionellen Diakonie“, sagte Michael Chalupka, Direktor der Diakonie Österreich, in seinem Grußwort. „Die Menschen haben sich damals ans Werk gemacht aus dem Glauben heraus.“ Der Waisenversorgungsverein habe zwei große Verdienste. So sei es bis heute gelungen, die richtigen Antworten auf die Fragen der Zeit zu geben, und zweitens „ist es dem Waisenversorgungsverein gelungen, als Verein 150 Jahre zu überleben“. Das sei nicht selbstverständlich und zeige, dass es Frauen und Männer gebe, die engagiert in diesem Verein lebten. Hartmut Schlener, Zweigvereinsobmann des Wiener Gustav-Adolf-Vereins, überbrachte ebenfalls Grüße: „Der Waisenversorgungsverein hat nicht die Not aus der Welt geschafft, wohl aber schafft er es, die Not der Welt zu lindern.“ „Der Waisenversorgungsverein gibt auch heute noch kräftige Lebenszeichen von sich“, betonte der Obmann des EWV, Siegfried Tagesen. Viele Kinder seien nach Scheidungen ihrer Eltern in wirtschaftlich sehr schwierigen Lagen, „manche von ihnen können wir auffangen, bevor sie verwahrlosen und sozial unfähig werden. Wenn es zu spät ist, dann betreuen wir diese Kinder in unserer Einrichtung in Bad Goisern.“ Ebenso sei das Schweizer Haus in Hadersdorf, in dem ehemalige Drogenabhängige betreut werden, heute „europaweit eine Vorzeigeeinrichtung, denn wir streben für die Menschen dort ein weitgehend eigenverantwortliches Leben an.“ Abschließend dankte Tagesen allen Förderern des Waisenversorgungsvereins, „denn nur mit ihrer Hilfe können wir die eine Tür öffnen zu selbständigem und erfülltem Leben“.

Schwarz: Konfessionsgrenzen wurden als „lästig und hinderlich“ empfunden

In seinem Festvortrag „Die Anfänge des Vereinsprotestantismus von Gustav Porubsky bis Ludwig Wittgenstein, 150 Jahre Evangelischer Waisenversorgungsverein“ betonte Ministerialrat Karl Schwarz, dass es vornehmlich das liberale Bürgertum gewesen sei, das in den konzessionierten Vereinen ein Ventil erblickte, um sein politisches Gewicht zu erproben: „So ist die Geschichte des Vereinswesens eingebettet in die Geschichte der konstitutionellen Bewegung.“ Den Begriff „Vereinsprotestantismus“ habe er gewählt in Anlehnung an die geläufige Form des Vereinskatholizismus. „Ich will damit zum Ausdruck bringen, dass der Verein eine besondere Lebensform des 19. Jahrhunderts gewesen ist und auch in unserer Kirchengeschichte eine große Rolle gespielt hat, ich erwähne nur den Gustav-Adolf-Verein, der ja auch 1861 gegründet wurde.“ Eine Besonderheit dieser Vereinskultur sei ihr Brückenschlag über die Konfessionsgrenzen hinweg gewesen, „ja man gewinnt sogar den Eindruck, dass die Konfessionsgrenzen als lästig und hinderlich empfunden wurden und dass man deshalb die freie Form des Vereins gewählt hat“.

Für die musikalische Begleitung hat ein Instrumentalensemble der Johann Sebastian Bach Musikschule gesorgt. Zur Gründung des Waisenversorgungsvereins findet sich in der Lutherischen Stadtkirche Wien auch eine Fotoausstellung.

Anlass für die Gründung des Evangelischen Waisenversorgungsvereins 1861 war die Rettung von Kaiser Franz Joseph I. nach einem Attentat. Die gemeinnützige und kirchliche Vereinigung kümmert sich um Waisen im weitesten Sinn: Kinder und Jugendliche, die in einer sozialen Notsituation nicht auf die Hilfe ihrer Eltern, Verwandten oder öffentlicher Stellen zurückgreifen können.

Die Tätigkeitsbereiche des ältesten diakonischen Vereins Österreichs umfassen drei große Themenbereiche: Im Schülerheim in Bad Goisern werden Mädchen und Burschen im Pflichtschulalter aufgenommen und betreut. Bei finanziellen und sozialen Notfällen vergibt der Verein unabhängig von der Konfession des Kindes (Teil-)Stipendien für den Besuch evangelischer Kindergärten und Schulen. Als dritte Aufgabe begleitet der EWV gemeinsam mit dem Verein WOBES Drogenkranke im Schweizer Haus Hadersdorf bei ihrer gesellschaftlichen Reintegration. Alle Vereinsfunktionäre arbeiten ehrenamtlich, die Mittel kommen vor allem aus Widmungen und Erbschaften, aber auch die Beiträge von Mitgliedern und Förderern spielen eine wichtige Rolle.

Weitere Informationen unter: www.waisenversorgungsverein.org

ISSN 2222-2464